23.06.2006 - Mobiltelefone im Krankenhaus: Keep your distance?
Handy-Verbot in Krankenhäusern unnötig - Störungen der Klinik-Elektronik kaum möglich
Für Handy-Verbote in Krankenhäusern gibt es aus wissenschaftlicher Sicht kaum eine Begründung. Bereits in einem Meter Abstand stören Mobiltelefone elektronische Klinikgeräte nicht mehr, so zwei unabhängig
voneinander entstandene Studien der amerikanischen Mayo-Klinik und der Universität Gießen. In der Klinik der medizinischen Hochschule Hannover wurde das Handyverbot bereits aufgehoben. Kritiker vermuten schon länger, dass das Verbot eher dem Zweck dient, die Festnetztelefone der Kliniken auszulasten, an denen die Betreiber verdienen.
Britische Wissenschaftler plädieren seit Jahren dafür, das Handy-Verbot in Kliniken aufzuheben. Statt eines generellen Verbotes sollten Zonen eingerichtet werden, in denen der Handy-Betrieb erlaubt ist. Das Verbot wird auch in Deutschland nicht einheitlich gehandhabt.
Eine 2003 durchgeführte Untersuchung der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen zeigte, dass gerade in sensiblen Bereichen wie Intensivstationen und OP-Trakten entsprechende Verbotshinweise fehlten.
Das Medizinproduktgesetz verpflichtet Krankenhausbetreiber und niedergelassene Ärzte dazu, ihre Patienten vor Fehlfunktionen der medizinischen Geräte zu schützen. Doch wann und durch welche Handy-Technik (UMTS, GSM900 oder GSM1800) wird die Funktion beeinträchtigt? Bisher sind kaum Fälle bekannt, in denen Patienten zu Schaden kamen. In einer 2004 veröffentlichten Studie berichtet das "Medical Journal of Australia" von nur einem, allerdings tödlichen Zwischenfall, bei dem ein Handy durch elektromagnetische Interferenz ein Beatmungsgerät ausschaltete.
Nach Angaben des Unternehmens T-Mobile ist für medizinische Geräte entsprechend der DIN-EN 60601-1-2 eine elektromagnetische Verträglichkeit (Einstrahlfestigkeit) von 3V/m vorgesehen und für lebenserhaltende Geräte sogar 10V/m. Handelsübliche Handys können Feldstärken erzeugen, die diese Werte überschreiten. Daher ist ein Sicherheitsabstand von drei Metern vorgeschrieben.
Doch welcher Sicherheitsabstand ist sinnvoll? Ab wann können Risiken ausgeschlossen werden? Die deutsche Gesellschaft für Kardiologie befürchtet zum Beispiel, dass Störungen von EKG-Monitoren zu Missinterpretationen und damit fehlerhaften Behandlungen führen könnten. Die Studie des "MJA" untersuchte elektromagnetische Interferenzen bei 29 medizinischen Geräten und empfahl bei EKG-Monitoren und Infusionspumpen einen Sicherheitsabstand von 2 Metern.
Auch das Universitätsklinikum Gießen führte eine ähnliche Untersuchung durch und hielt einen Abstand von 1 bis 1,5 Meter für ausreichend, sofern medizinische Geräte "fail-safe" gemacht würden. (Holger Schmidt)
© Medizinische Enzyklopädie 2010
