02.08.2005 - Bittergeschmack beeinflusst menschliche Evolution

Zusammenhang zwischen Bittergeschmack-Gen und Malaria-Resistenz

Der Bittergeschmacksrezeptor TAS2R16 hatte möglicherweise einen Einfluss auf die menschliche Evolution. Zu diesem Schluss kommt eine aktuelle genetische Untersuchung eines "Bittergeschmacks-Gens" (1). Grundlage der Analyse war die Erbsubstanz von 997 Menschen aus 60 verschiedenen Weltpopulationen.

Die Forscher fanden heraus, dass heute, mit Ausnahme der Afrikaner, 98% aller Menschen eine "neue" Genvariante aufweisen, die vor etwa 80.000 bis 800.000 Jahren als Mutation aus dem "alten" Geschmacksrezeptor-Gen hervorgegangen ist. Eine funktionelle Untersuchung hat gezeigt, dass die neue Variante empfindlicher auf Bitterstoffe reagiert.

Der beschriebene Geschmacksrezeptor TAS2R16 ist für die Wahrnehmung von zyanogenen Glukopyranosiden wichtig, aus denen beim Verzehr toxische Zyanide freigesetzt werden. Steinzeitmenschen, die durch ihren Geschmackssinn vor dem Verzehr solch toxischer Substanzen, die beispielsweise in Bittermandeln oder Maniok enthalten sind, gewarnt wurden, wiesen gegenüber weniger geschmacksempfindlichen Menschen einen deutlichen Selektionsvorteil auf.

Dass 13,8% der Afrikaner Träger der ursprünglichen, weniger empfindlichen Variante des Bitterrezeptors sind, führen die Forscher auf das Auftreten von Malaria zurück. Ein chronischer geringer Verzehr von zyanidhaltiger Nahrung führt zu einer Zyanid-induzierten Sichelzellanämie, die einen gewissen Schutz vor einer tödlich verlaufenden Malaria-Infektion bietet. Untermauert wird diese Theorie durch die Tatsache, dass die geographische Verteilung der ursprünglichen Genvariante ungefähr der Verteilung von Malaria-Resistenz-Genen entspricht.

Prof. Wolfgang Meyer, Leiter der Abteilung Molekulare Genetik am Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke, der zum internationalen Wissenschaftlerteam der vorliegenden Untersuchung gehört, sieht in den Ergebnissen auch eine Bedeutung für die heutige Zeit: "Der Selektionsvorteil von damals scheint sich allerdings heute ins Gegenteil zu verkehren, da viele Menschen bestimmte Gemüse ablehnen, weil sie bitter schmecken, obwohl ihr Verzehr das Risiko für bestimmte Krebs- oder Herz-Kreislauferkrankungen senken kann. Die Lebensmittelindustrie ist daher bemüht, den Bitterstoffanteil in der Nahrung zu reduzieren. Neue Erkenntnisse über die "genetische Programmierung" des Geschmacks könnten zudem dazu beitragen, die Akzeptanz gesunder, aber bitter-schmeckender Lebensmittel zu erhöhen." (Daniela Rösler, Diplom Oecotrophologin)

Literatur:
(1) Soranzo N, et al.: Positive Selection on a High-Sensitivity Allele of the Human Bitter-Taste Receptor TAS2R16. Current Biology; 2005; 15; 1257-1265.


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