12.05.2010 - Infektionen durch humane T-Zellleukämievirus Typ 1 und 2

Ursache virusbedingter Neoplasien oder Myelopathien

Neben dem gut bekannten humanen Immundefizienz-Virus (HIV) kommen beim Menschen noch weitere Retrovirusinfektionen vor, die von medizinischer Bedeutung sind. Unterschieden werden dabei das humane T-Zellleukämievirus Typ I (HTLV-I) und Typ II (HTLV-II). Die Erstisolierung von HTLV-I gelang im Jahr 1980. Beide Retroviren sind Onkogene und stehen in Zusammenhang mit der Ätiopathogenese verschiedener neoplastischer Erkrankungen.

HTLV-I und HTLV-II gehören zur Familie der Retroviridae. Mittels des Enzyms, der reversen Transkriptase, wird die virale RNA nach dem Eindringen in die Zelle in cDNA umgeschrieben. Nach der Transkription in doppelsträngige DNA erfolgt eine zufällige Integration in das zelluläre Genom des Menschen. Die so vorliegende provirale DNA kann nach einer jahrelangen Latenz aktiviert werden, was dann zur Produktion von Virus führt.

Die HTLV-I-Infektion kommt weltweit vor. Als Hochendemiegebiete gelten die Karibik, Westafrika, Südamerika, Ozeanien sowie Japan. Nach Schätzungen dürften ca. 15 Millionen Menschen mit dem Virus infiziert sein. Demgegenüber sind HTLV-II-Infektionen wesentlich seltener. Infektionshäufungen mit HTLV-II finden sich bei südamerikanischen Indianern. Eine von mehreren deutschen Blutspendeeinrichtungen durchgeführte repräsentative Untersuchung zeigte, dass HTLV-Infektionen in Deutschland sehr selten sind und das Infektionsrisiko im Vergleich zu einigen anderen europäischen Ländern gering ist. Als Folge der Migration muss jedoch auch hier mit einer langfristigen Zunahme der Infektionen gerechnet werden.

Die Übertragung der Erreger kann auf parenteralem Weg durch Blutprodukte erfolgen. Des weiteren sind Ansteckungen durch Sexualverkehr sowie perinatal möglich. Als epidemiologisch besonders wichtig für die Verbreitung der Viren gelten kontaminierte Injektionsnadeln bei intravenös Drogensüchtigen. Frauen werden wie bei der HIV-Infektion durch Sexualverkehr leichter infiziert als Männer.

Die Inkubationszeit der beiden Infektionen beträgt mehrere Jahre. Man geht derzeit von einer Latenzzeit von bis zu 25 Jahren aus. Die HTLV-I-Infektion kann mehrere unterschiedliche Krankheitsbilder verursachen. Mit einer Häufigkeit von etwa 1% kommt es bei HTLV-I-Infizierten zur adulten T-Zell-Leukämie. Diese Form der T-Zell-Leukämie ist oftmals durch ihren foudroyanten Verlauf mit hoher Letalität charakterisiert.

Weitere HTLV-I-bedingte Krankheitsbilder sind T-Lymphome, wie das Sezary- Syndrom oder Mycosis fungoides. Als eine Manifestionsform, die gehäuft in der Karibik und Japan vorkommt, gilt die tropisch-spastische Paraparese.

Diese Myelopathie ist durch Rückenschmerzen, spastische Paresen der Extremitäten, Blasenfunktionsstörungen, sensorischen Störungen, Atrophien und Demyelinisierungen im Gehirn und Rückenmark gekennzeichnet. Die HTLV-II-Infektion ist nach bisherigen Erkenntnissen mit der Haarzell Leukämie assoziiert.

Die Diagnostik der HTLV-I und –II-Infektion basiert auf dem Nachweis von spezifischen Antikörpern mittels diverser serologischer Verfahren. Zudem steht zum Nachweis viraler RNA PCR mit anschließender Typisierung zur Verfügung. Eine Isolierung des Virus in Zellkulturen ist möglich. In einigen Ländern, wie zum Beispiel Japan, USA und Frankreich, wurden bereits Screening-Programme für Blutspenden implementiert.

Die Therapie der beiden Infektionen erfolgt symptomatisch in Abhängigkeit der jeweiligen Symptomatik. Spezifische antivirale Substanzen stehen im Gegensatz zur HIV-Infektion jedoch nicht zur Verfügung. Zum therapeutischen Arsenal gehören Zytostatika, Interferone und Steroide. Infektionen mit HTLV-I und –II gelten nach dem Infektionsschutzgesetz als nicht meldepflichtig.


(Prof. Dr. med. Tino F. Schwarz, Gelbfieber-Impfstelle, Facharzt für Labormedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg/ Schlußredaktion: Dr. Andreas Nitsche, Robert Koch-Institut, Zentrum für Biologische Sicherheit).

© Medizinische Enzyklopädie 2010