Die kürzlich erfolgten terroristischen Anschläge in London und Madrid verdeutlichen erschreckend, dass auch weiterhin mit perfiden Attacken gegen die Zivilbevölkerung zu rechnen ist. Zwar erwiesen sich die Anschuldigungen gegen den Irak wegen des Besitzes von biologischen Waffen vor Beginn des II. Golfkrieges als haltlos, jedoch wurde hierdurch eine wissenschaftlich Diskussion über die Möglichkeiten des Einsatzes solcher Agenzien gegen die Bevölkerung ausgelöst.
Die wiederholte Freisetzung von Anthrax über Briefe und Pakete belegten, wie vulnerabel die Bevölkerung eines Landes vor einem bioterroristischen Anschlag ist. Neben Pocken und aerosoliertem Anthrax dürfte nach Einschätzung von Experten die größte Gefahr von Botulismus-Toxin ausgehen.
18.07.2005 - Bioterrorismus-Experten: Botulismus-Toxin in der Milch
Mögliches bioterroristisches Anschlagsszenario
In einer kürzlichen Publikation in dem seriösen Wissenschaftsjournal (Proceedings of the National Academy of Science 112:9984-9989, 2005) beschäftigten sich die Autoren mit der Möglichkeit einer Kontamination von Milch mit Botulismus-Toxin auf dem Herstellungsweg von der Kuh bis zum Konsumenten. Milch wurde gewählt, da in den USA 20 Milliarden Gallonen pro Jahr konsumiert werden.
Dass Milch sich für einen Bioterroranschlag besonders eignet, wird durch zwei Kontaminationen einer Milchproduktionanlage mit Salmonellen im Jahr 2002 verdeutlicht (Lancet 359:874-880, 2002), bei der 200.000 Menschen betroffen waren. Zudem hat Milch eine symbolische Bedeutung als "Quelle des Lebens". Neben Milch stellen insbesondere auch Fruchtsäfte und Lebensmittelkonserven potenzielle Targets für Terroristen dar.
Eine Kontamination der Milch mit Botulismus-Toxin könnte in einem Sammelcontainer in einem landwirtschaftlichen Betrieb, während des Milchtransports oder im Rohmilchsilo der Molkerei erfolgen. Die Auswirkungen wären bei allen Schritten gleich. Eine unbekannte Variable ist zunächst die eingesetzte Menge von Botulismus-Toxin.
In den USA kann davon ausgegangen werden, dass eine Gallone Milch (ca. 4,5 Liter) von 4 Personen innerhalb von 3,5 Tagen getrunken wird. Die mittlere Inkubationszeit bei einer Intoxikation mit Botulismus-Toxin beträgt ca. 48 Std. Ein möglicher Ausbruch würde wahrscheinlich erst entdeckt werden, nach dem der 100. Erkrankungsfall aufgetreten ist. Erschwerend käme hinzu, dass die Testmöglichkeiten nur eingeschränkt und nicht flächendeckend zur Verfügung stehen.
Man kann davon ausgehen, dass 1g Botulismus-Toxin ausreicht, um eine Vergiftung von 100.000 Menschen zu verursachen. An den motorischen Nervenendplatten und an den parasympathischen Synapsen blockiert Botulismus-Toxin die Freisetzung von Acetylcholin. Botulismus-Toxin gilt als stärkstes bekannte biologische Gift, das bereits in einer Dosis von 0,0001mg für den Menschen tödlich sein kann. In dem errechneten Szenario (einmalige Kontamination einer Produktionscharge Milch mit 1 bis 10 g Botulismus-Toxin) würden daher mindestens 568.000 Menschen betroffen sein. Die medizinischen Auswirkungen wären alters- und dosisabhängig variabel.
Botulismus-Toxin lässt sich nicht vollständig durch Bestrahlung oder Hitzebehandlung inaktivieren; zudem wird der Geschmack der Milch durch das Toxin nicht negativ verändert. Da gerade die Milchproduktion für einen nahrungsmittel-assoziierten bioterroristischen Anschlag besonders gefährdet ist, wird empfohlen, eine ausgedehnte zusätzliche Testung während der Verarbeitung zu implementieren. Eine Bereitstellung größerer Mengen Antitoxin für einen eventuellen Notfall wäre dagegen mit sehr hohen Kosten verbunden. Die Testkosten zum Ausschluss einer Kontamination mit Botulismus-Toxin würden umgelegt auf die Gallone Milch weniger als $ 0,01 betragen.
Dem gegenüber wird es von Bioterrorismusexperten durchaus für möglich gehalten, dass Terroristen in den Besitz von größeren Mengen (mehrere Gramm) Botulismus-Toxin gelangen oder dieses selbst herstellen. Beim Auftreten von Botulismus-Intoxikationen, insbesondere bei einer Häufung von Erkrankungen, sollte vorrangig an die Möglichkeit eines bioterroristischen Anschlags gedacht werden (Prof. Dr. med. Tino F. Schwarz, Gelbfieber-Impfstelle, Facharzt für Laboratoriumsmedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg).
© Medizinische Enzyklopädie 2010