Nipah-Virus, ein neu aufgetretener Erreger, der in den Jahren 1998/99 in Malaysia und Singapur eine humane Epidemie mit Enzephalitis-Fällen verursacht hatte, gilt inzwischen als eine wichtige Modellinfektion für zoonotische Paramyxoviridae. Aufgrund molekulargenetischer Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass es sich bei Nipah-Virus um einen Erreger handelt, der über Passagen in Fledermäusen und Schweinen auf den Menschen übertragen werden kann.
Neben Nipah-Virus machte das Hendra-Virus, ein Erreger der über Fledermäuse und Pferde in Australien auf den Menschen übertragen wurde, Mitte der 1990er Jahre Schlagzeilen. Beide Erreger erwiesen sich antigenetisch als verwandt.
13.07.2005 - Nipah-und Hendra-Virus: Entdeckung des Zellrezeptors erklärt Pathogenität
Nipah-Virus gilt als potenzielles bioterroristisches Agens
Nipah-Virus wie auch Hendra-Virus gehören zur Familie der Paramyxoviridae. Erst vor kurzem wurden die Erreger dem neu geschaffenen Genus Henipavirus zugeordnet. Aufgrund der erheblichen Pathogenität der Erreger und der damit verbundenen Gefährdung einer exponierten Population wurde der wissenschaftlichen Frage nachgegangen, auf welchem Weg diese Erreger ihre Wirkung entfalten können. Jetzt konnte konnte der Zellrezeptor, Ephrin-B2, identifiziert werden, durch den Nipah- und Hendra-Virus sich an die Zelloberfläche anheften.
Ephrin-B2 ist bei der Entwicklung des zentralen Nervensystems sowie Blutgefäßen beim menschlichen wie auch einigen tierischen Feten von Bedeutung. Dieser Rezeptor lässt sich nicht nur beim Menschen, sondern auch bei Pferden, Schweinen und Fledermäusen nachweisen. Dies wiederum erklärt, warum des dem Erreger möglich war, die Speziesbarriere zu durchbrechen. Warum diese Erreger erst in 1990er Jahren isoliert bzw. klinisch evident geworden sind, ist allerdings unklar.
Durch die Entdeckung des Zellrezeptors ist es nun möglich, gezielt Substanzen zu identifizieren, die das Anheften (Attachment) des Erregers blockieren und somit für die Therapie verwendet werden können. Dies wiederum könnte nicht nur für die Humanmedizin als auch die Veterinärmedizin von Bedeutung sein. Auch ermöglicht diese Erkenntnis ein generell besseres Verständnis der Pathogenese dieser beiden Infektionen.
In Malaysia wie auch Singapur war der Nipah-Virusausbruch von erheblicher ökonomischer Bedeutung für die Landwirtschaft, da eine Keulung fast der gesamten der Schweinebestände durch die Gesundheitsbehörden veranlasst wurde. Grundsätzlich könnte Nipah-Virus auch in anderen Ländern auftreten und ökonomische Schäden verursachen. Allein in den USA beträgt der wirtschaftliche Wert der Schweinehaltung 8,6 Milliarden Dollar.
Nipah-Virus gilt daher als potenzielles bioterroristisches Agens, das nicht nur beim Menschen, sondern auch in der Nutztierpopulation eine erhebliche medizinische wie auch ökonomische Auswirkung haben könnte (Prof. Dr. med. Tino F. Schwarz, Gelbfieber-Impfstelle, Facharzt für Labormedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg).
© Medizinische Enzyklopädie 2010