05.04.2010 - Ehrlichiosen: durch Zecken übertragene Infektionen

Ehrlichiose: Bisher wenig bekannte Krankheitsbilder

Bei der Ehrlichiose handelt es um eine durch Zecken-übertragene Infektion. Unterschieden werden dabei die humane granulozytäre Ehrlichiose (HGE) und humane monozytäre Ehrlichiose (HME). Bei diesen beiden bakteriellen Erkrankungen handelt es sich um unterschiedliche Infektionen. Verursacht werden sie durch ein gramnegatives, obligat intrazelluläres Bakterium. Nachgewiesen wurden diese Infektionen bisher in Nordamerika, Europa, Japan und Malaysia.

Der Erreger der HME, erstmals nachgewiesen in Fort Chaffee im amerikanischen Bundesstaat Arkansas, konnte 1991 isoliert werden und wird seither als Ehrlichia (E.) chaffensis bezeichnet. Typischerweise finden sich Einschlusskörperchen in zirkulierenden mononukleären Zellen. Die Infektion wird durch Zecken der Amblyomma- und Dermacentor-Spezies auf den Menschen übertragen. Seroepidemiologische Untersuchungen fanden im südlichen Teil der USA eine Inzidenz von 3 bis  5 pro 100.000 Einwohnern.

Bisher wurden etwa mehrere klinische Erkrankungen der amerikanischen Seuchenkontrollbehörde gemeldet. In endemischen Gebieten sind bis zu 30% der Zecken mit E. chaffensis infiziert. Aus Europa gibt es bislang nur einige wenige Fallberichte über HME. Bisher konnte der Vektor, der HME in Europa überträgt, noch nicht sicher identifiziert werden.

Die HME hat eine Inkubationszeit von 7 bis 10 Tagen. Die Erkrankung beginnt mit unspezifischer grippaler Symptomatik, Fieber, Abgeschlagenheit, abdominellen Schmerzen, Hautausschlag, Übelkeit, Diarrhoe und Myalgien. Als Komplikationen können bei HME ein akutes respiratorischen Distress-Syndrom, Nierenversagen, eine Hepatopathie, Konvulsionen und zerebrale Läsionen auftreten.

Die HGE wurde erstmals 1994 in den USA beschrieben. Der Erreger scheint er mit E. equi und E. phagocytophilia verwandt zu sein und wird heute als Anaplasma phagocytophilum beschrieben. Diese antigenetische Verwandtschaft ermöglicht derzeit diagnostische Untersuchungen. In endemischen Gebieten beträgt die Inzidenz etwa 3 pro 100.000 Einwohner. Die HGE kommt auch in mehreren europäischen Ländern vor, wie seroepidemiologische Untersuchungen belegen.

Als Vektor wird in Europa Ixodes ricinus (gemeiner Holzbock) angenommen, durch den auch Borrelien und das Frühsommer-Meningoenzephalitis-Virus übertragen werden. Untersuchungen aus Bayern ergaben, dass jede 30. Zecke mit dem Erreger der HGE  infiziert ist. Die Inkubationszeit der HGE beträgt 10 bis 30 Tage. Der Erkrankung kann subklinisch bis fulminant verlaufen. Sie beginnt mit einer abrupt einsetzenden grippalen Symptomatik, Abgeschlagenheit, Myalgien, Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Husten, Verwirrtheit und Exanthem. In den Lungen lassen sich röngtenologisch Infiltrate nachweisen. Ein letaler Verlauf resultiert in 2 bis 5% der Infektionen. Unklar ist derzeit, ob es chronische Verlaufsformen gibt.

Für die Therapie von Ehrlichiosen wird derzeit Doxyzyklin (2 x100 mgproTag) als Mittel der Wahl über 14 bis 21 Tage empfohlen. Als Alternativen sind Tetrazyklin oder Rifampicin aufgeführt. Der Erregernachweis beider Ehrlichiosen wird derzeit nur von wenigen spezialisierten Labors durchgeführt. Hierfür stehen Zellkulturverfahren sowie PCR Methoden zur Verfügung. Für die Diagnostik stehen zudem serologische Nachweisverfahren zur Verfügung.

Eine Meldepflicht besteht für Ehrlichiosen nach dem Infektionsschutzgesetz nicht. Für den Hausarzt ist es wichtig, dass bei einer fieberhaften Erkrankungen nach einem Zeckenstich in einem Zeitraum von bis zu 4 Wochen nicht nur an eine Borreliose und Frühsommer-Meningoenzephalitis gedacht wird, sondern differenzialdiagnostisch auch eine Ehrlichiose erwogen wird.


(Prof. Dr. med. Tino F. Schwarz, Gelbfieber-Impfstelle, Facharzt für Labormedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg/ Schlußredaktion: Dr. Andreas Nitsche, Robert Koch-Institut, Zentrum für Biologische Sicherheit).

© Medizinische Enzyklopädie 2010