Die Nachfrage nach Heilmethoden aus dem Fach Traditionelle Chinesischen Medizin (TCM) als Alternative und Ergänzung zur westlichen Medizin steigt - jährlich um 0,2%. Immer wieder werden jedoch bei chinesischen Heilkräutern bedenkliche Spuren von Umweltgiften wie etwa DDT oder Dicofol nachgewiesen. Ein Grund ist, dass das Umweltbewußtsein bei chinesischen Bauern noch nicht sehr ausgeprägt ist. Die aktuelle Qualitätsproblematik beim Kräuteranbau von herkömmlichen chinesischen Heilkräutern wird sich aber noch verschärfen - darauf wies Dr. rer. nat. Wenjun Zhong im Rahmen einer Informationsveranstaltung für Apotheker in Nürnberg Anfang März hin.
21.03.2005 - Qualitätskontrolle für chinesische Heilkräuter - Chinesische Medizin
Qualitätssicherung vom Feld in die Apotheke für weniger Pestizide und Schwermetalle in Heilkräutern
Seit dem 1. Januar 2005 kann chinesische Textilware ohne jegliche Kontigentbeschränkung exportiert werden, dadurch kann der chinesische Anteil am Weltmarkt von jetzt 40% auf 70% steigen. Dadurch wird nach Einschätzung Zhongs doppelt so viel Anbaufläche für Baumwolle, Hanf, Flachs, Jute oder Sisal benötigt, womit nicht mehr viel Anbauflächen für Heilkräuter übrig blieben. Dadurch würde der Preis für Heilkräuter in Zukunft noch weiter steigen.
Die Problematik der Schadstoff-Belastung von chinesischen Heilkräutern wird damit noch zunehmen, so Zhong, denn der aktuelle ausländische und anspruchsvolle Markt für Heilkräuter und Tees ist für chinesische Bauern nicht attraktiv genug. Die Pflanzen - nicht jede Heilpflanze ist tatsächlich ein Kraut, unter den Heilkräutern befinden sich Gräser, Wasserpflanzen, Sträucher und auch Bäume - werden vor Ort meistens als Rohstoff für die Herstellung von Fertigarzneimitteln angebaut, Spezialanbauverfahren für geringe Produktionsmengen, wie sie in Europa benötig werden, seien nicht rentabel.
90% aller chinesische Heilkräuter werden in China verbraucht, der Rest in Japan (5%), Südostasien (3%), Amerika und Europa (je 1%). Der Anbau findet in China traditionell überwiegend in kleinen Bauernhöfen statt, dadurch sei keine einheitliche Qualitätssicherung möglich. Da die Bauern die größte und zugleich einkommensschwächste Schicht in China darstellen, müssten diese oft sehr gewinnorientiert produzieren, so Zhong.
Dies habe den Einsatz von billigen, leistungsschwachen und hochtoxischen Pflanzenschutzmitteln zur Folge. Zudem würde das Ernten, Waschen, Schneiden und Trocknen - zumeist auf offener Strasse - oft unter schlechten hygienischen Bedingungen stattfinden.
Besonders belastet bedingt durch entsprechende Anbauverfahren sind zum Beispiel Zitrusfrüchte (Schale) oder Ginseng durch Schwermetalle und Pestizide. Über 80% der auf dem Markt befindlichen Arzneidrogen Citri reticulae pericarpium enthalten hohe Mengen an Pflanzenschutzmittel. Aber auch natürliche Belastungen durch Cadmium oder Aflatoxine seien typisch, so Zhong. Über 95% der auf dem Markt angebotenen Biotae Semen (Platycladi Semen) ist mit gefährlichen Aflatoxinen belastet. In Europa muss Schadstoff-belastete Ware gegen Entsorgungsgebühr tonnenweise vernichtet oder zurückgeschickt werden.
Ein Qualitätsmanagement gestalte sich deswegen schwierig, da der bisherige Handel geprägt ist durch einen komplizierten Weg mit zahlreichen Zwischenhändlern - letztendlich wisse keiner, woher die Kräuter ursprünglich kämen." Eine chargenbezogene Dokumentation sei daher nicht möglich, erklärte Zhong.
Insgesamt seien die Probleme tief verwurzelt in die kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Gegebenheiten Chinas, bedingt durch die chinesische Tradition und aktuelle Wirtschaftsentwicklung, resümierte Zhong. Diese Problematik könne aber auf Regierungsebene gelöst werden, oder in der Privatwirtschaft.
Die chinesische Regierung hat den Zukunftsweltmarkt für Traditionelle Chinesische Medizin - TCM - fest im Blick, sagte Zhong. Dazu sind in den letzten Jahren mehrere Regelungen erlassen worden, darunter die "Green Trade Standards of Importing & Exporting Medicinal Plants & Preparations", gültig seit dem 1.Juli 2001. Darin werden die Grenzwerte der Pestizide, Schwermetalle und Aflatoxine sowie Aufmachung, Verpackung und Tansport geregelt.
Eine weitere Neuerung ist auch die Einführung des "GAP" (Good Agriculturing Practice), 1998 geplant, im April 2002 erlassen, im November 2003 begannen die ersten Insepektionen. Seit April 2004 liegen die ersten Inspektionsberichte vor, die unter anderem die Standortbedingungen (Luft, Wasser, Boden), Saatgut, Anbauverfahren (Pflanzenschutz und Düngemittel), Ernte, Verpackung, Transport und Lagerhaltung genau regeln und dokumentieren.
Doch diese GAP-Inspektionen sind derzeit wieder in Frage gestellt, denn in der ersten Phase waren diese bei den Bauern auf heftigen Widerstand gestossen. Im Juni 2004 formierte sich eine Bauerniniatitive, es würden nur noch wenige Bauern Heilkräuter anbauen, die geforderten Maßnahmen seien nicht bezahlbar oder umsetzbar, die Qualitätsmaßnahmen seien für Betriebe unter 5 Hektar (80% aller Landwirte) zu teuer, die Produkte seien damit nicht wettbewerbsfähig. Derzeit befindet sich die GAP immer noch in einer Testphase, die Regelungen sollen erst umgesetzt werden, wenn soziale, wirtschaftliche und technische Rahmenbedingungen gegeben wären.
Besser wäre es, als Importeur von chinesischen Heilpflanzen Eigeninitiative zu entwickeln. Zhong, der unter anderem ein Studium für Nutzpflanzenbau an der Central-South Forestry University in China absolvierte; hat in den letzten Jahren zahlreiche Feldexkursionen und Gespräche mit Bauern über den Heilpflanzenbau in China durchgeführt.1998 gründete der Dipl. Geoökologe zusammen mit dem Apotheker Eberhard Hilsdorf die auf den Import chinesischer Heilkräuter spezialisierte Firma Herbasin in Schwabach.
Das Unternehmen hat eine eigene Firma in China aufgebaut, organisiert und kontrolliert vor Ort den Vertragsanbau von Heilkräutern in verschiedenen klimatischen Regionen Chinas. Die Qualitätsprüfung setzt sich aus zwei Verfahren zusammen: dem westlich orientierten technisch-analytischen Verfahren und dem traditionell sensorischen Verfahren. Das sensorische legt mehr Wert auf die Wirksamkeit der Heilpflanze, das analytische mehr auf die Sicherheit. Belastungen durch Pestidzide und Schwermetalle können nicht durch die traditionelle Sensorik erkannt werden.
Neben der Qualitätsbeurteilung gehöre zur Vorprüfung auch eine korrekte botanische Zuordnung. Oftmals würden völlig verschiedene Pflanzen eine gleiche oder sehr ähnlich chinesische Bezeichnung tragen, da die chinesische Nomenklatur verwirrend ist und die Namen der Pflanzen, bedingt durch die chinesische Aussprache, sehr ähnlich lauten. Dadurch kann es schlimmstenfalls zur Verwechslungen mit Giftpflanzen kommen.
Auch auf den Aspekt der pharmazeutischen Qualität machte Zhong aufmerksam. "China ist sehr vielfältig in Klima und Vegetation", so der Experte. Besonders hochwertige Heilkräuter käme nur in bestimmten Regionen des Riesenreichs vor. Auch die Erntezeit beeinflußt maßgeblich die pharmazeutische Qualität, sogar die medizinische Wirkung. Die optimale Zusammensetzung der wirksamen Inhaltsstoffe ist abhängig von den Entwicklungsstadien der Pflanzen. Auch die besondere Behandlung der Heilpflanzen sei von Bedeutung, so zum Beispiel sei auch die Schnittweise ausschlaggebend.
Einen kontrollierten Heilpflanzen-Anbau in Europa und damit eine ausreichende und standardisierte Zertifizierung verfolgt das Unternehmen "Medoa" aus Berlin, die sich ebenfalls mit dem Problem der gleichbleibenden Qualität von Heilkräutern bzw. Arzneipflanzen befasst: In Möglin (Brandenburg) soll noch in diesem Jahr der Grundstein gelegt werden für ein Gewächshaus-Komplex mit verschiedenen Vegetationsstufen, verbunden mit der größten Solaranlage Europas auf 27 Hektar, um den wachsenden TCM-Markt in Deutschland zu beliefern. (Andreas Frädrich)
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