Die klassische Tollwut wird durch Rhabdoviren des Genus Lyssavirus, die Rabiesviren, verursacht. Deutschland und einige andere europäische Länder gelten jedoch als tollwutfrei. Die Infektion erfolgt zumeist durch Bisse und den Kontakt zum Speichel infizierter Tiere, wie Hund, Katze, Marder, Dachs etc. Auch Fledermäuse können Rabiesviren übertragen.
Die Inkubationszeit der Tollwut ist variabel und reicht von 10 Tagen bis zu einem Jahr. Am kürzesten in die Inkubationszeit bei ausgedehnten Bissen am Kopf oder Stamm. Die Erkrankung beginnt mit einer kurzen Periode seelischer Depression, Unruhe, Unwohlsein und Fieber. Typischerweise steigert sich die Unruhe bis zur unkontrollierten Erregung mit exzessivem Speichelfluss und äußerst schmerzhaften Krämpfen der laryngealen und pharyngealen Muskulatur. Charakteristisch ist die Hydrophobie. Der Tod erfolgt durch Ersticken oder Lähmung, - insbesondere betroffen ist dabei das Atemzentrum -, innerhalb von 3 bis 10 Tagen. Trotz verfügbarer intensivmedizinischer Maßnahmen verläuft die Tollwut auch heute noch immer tödlich.
30.11.2009 - Tollwut in Europa und weltweit
Mehrere Organempfänger von dieser tödlichen Infektion betroffen
Diagnostisch ist zu Lebzeiten der Patienten ein Antigen- bzw. Genom -Nachweis in Epithelzellen der Cornea, in Nackenhautbiopsien, im Speichel oder im Liquor möglich. Die sichere Bestätigung der klinischen Verdachtsdiagnose gelingt erst post mortem mittels Antigen-Nachweis beispielsweise aus Proben des Hirnstamms.
Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) wurde Anfang 2005 bei einer unwissentlich an Tollwut verstorbenen Frau mehrere Organe entnommen, die in verschiedenen deutschen Zentren auf insgesamt sechs Empfänger transplantiert wurden. Drei Organempfänger verstarben an den Folgen.
Wie sich erst nachträglich herausstellte, hatte sich die Organspenderin im Oktober 2004 in Indien aufgehalten, wo sie sich offensichtlich mit dem Tollwutvirus infizierte. Bislang gab bei mehreren 100.000 Transplantationen weltweit nur einmal in den USA eine Ansteckung mit Tollwut infolge einer Organtransplantation. Bei diesem Vorfall waren 2004 in den USA drei Organempfänger betroffen, die nach kurzer Zeit verstarben.
Die Tollwut kommt mit wenigen Ausnahmen nahezu weltweit vor. Zu den Regionen mit dem größten Risiko gehören Asien, Afrika und Südamerika. Auch in Osteuropa, insbesondere Rumänien, der Türkei und der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten kommt es regelmäßig zu tierischen wie auch menschlichen Tollwutfällen.
Nach Schätzungen der WHO muss man jährlich von etwa 50.000 Tollwutfällen ausgehen. Hinsichtlich der Inzidenz liegt Indien mit etwa 30.000 Tollwut-Toten an erster Stelle. 2004 wurde der bislang letzte Tollwutfall in Deutschland gemeldet – die Infektion erfolgte ebenfalls in Indien. In den letzten 20 Jahren wurden in Europa knapp über 200 Tollwutfälle gemeldet, von denen die meisten in Osteuropa auftraten.
Hunde gelten weltweit als die wichtigsten Überträger von Tollwut. Die Übertragung erfolgt durch Einbringen von virushaltigem Speichel durch einen Biss oder durch Kontamination von Kratzern oder Schleimhäuten durch Speichel. Neben der terrestrischen Tollwut tritt in Europa noch die Fledermaus-Tollwut, hervorgerufen durch das Europäische Fledermaus-Lyssavirus (EBLV), endemisch auf. In Schottland kam es 2002 zu einem EBLV-bedingten humanen Todesfall. Bei der Fledermaustollwut erfolgt die Infektion durch Aerosole in Höhlen.
Zur Vermeidung einer Tollwutinfektion ist die präexpositionelle aktive Impfung empfohlen. Gerade bei Reisen in Länder mit hoher Tollwutinzidenz, z. B. Indien, Nepal, Thailand, China und Mexiko, lässt sich ein Kontakt zu potenziell mit Tollwut infizierten Tieren, z. B. streunenden Hunden, nicht immer sicher vermeiden. Eine bereits in Deutschland durchgeführte präexpositionelle Tollwut-Impfung kann im Expositionsfall die notwendige Zeit verschaffen, bis eine sichere und verträgliche postexpositionelle Behandlung durch Verabreichung von Tollwut-Hyperimmunglobulin eingeleitet werden kann.
Nach dem Infektionsschutzgesetz §6 ist der Krankheitsverdacht, die Erkrankung sowie der Tod an Tollwut namentlich durch den behandelnden Arzt zu melden.
(Prof. Dr. med. Tino F. Schwarz, Gelbfieber-Impfstelle, Facharzt für Labormedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg/ Schlußredaktion: Dr. Andreas Nitsche Robert Koch-Institut, Zentrum für Biologische Sicherheit).
© Medizinische Enzyklopädie 2010
