Schmerz liegt im Trend. Blickt man man auf die Fülle neurophysiologischer Forschungsergebnisse und Therapiestudien der jüngsten Zeit, ist ein großes Interesse der Medizin und Wissenschaft an diesem Thema unverkennbar. Allein in Deutschland leiden schätzungsweise zwei Millionen Menschen an chronischem generalisiertem Schmerz. Dennoch sind die Mechanismen des Schmerzes ein nach wie vor ungelöstes Rätsel. Was wissen wir über den Schmerz?
Die gegenwärtig umfassendste Bestandsaufnahme bislang bekannten Wissens über den Schmerz kommt überraschenderweise aus dem Bereich der Geistes- und Kulturwissenschaften. Christian Grüny befasst sich in seiner Monographie mit den Phänomenen des körperlichen Schmerzes, wobei insbesondere der im 20. Jahrhundert erreichte Erkenntnisgewinn in Philosophie, Psychologie und Medizin vorgestellt und kritisch diskutiert wird.
6 Hauptkapitel stellen die Facetten der Schmerz-Erscheinungen vor: die subjektive Erfahrung des Schmerzes, Schmerz innerhalb des Spektrums der physischen und psychischen Empfindung, die Kennzeichen des Schmerzes (Flucht, Bruch, Bewegung, Wahrnehmung), destruktive Komponenten des Schmerzes (akuter und chronischer Schmerz, Folter), materielle Körpererfahrung sowie Antworten auf die Frage "Welchen Sinn hat der Schmerz?" (Algophobie, Algodizee).
Pioniere der Schmerzforschung des 20. Jahrhunderts, die zu Wort kommen, sind etwa der Jahrhundertchirurg René Leriche ("Chirurgie des Schmerzes"), der Psychologe Buytendijk und der Philosoph Merleau-Ponty. Grüny bezeichnet Schmerz als "zerstörte Erfahrung": Mit Schmerz ist nichts anzufangen (und doch kann man ihn nicht ignorieren), Schmerz ist der Inbegriff des Negativen und Widrigen (und doch muss man etwas gegen ihn unternehmen), Schmerz ist unproduktiv und destruktiv (und doch provoziert er Reaktionen), Schmerz ist nicht sinnvoll (und doch aktiviert er Sinnsuche und Schuldzuweisung) – Fazit: Schmerz kann nicht akzeptiert werden.
Man kann sagen, dass etwa seit 50 Jahren kaum bahnbrechende Fortschritte auf dem Gebiet der Schmerzforschung zu verzeichnen waren. Dies hat sich zur Jahrtausendwende geändert. Vor dem Hintergrund neurowissenschaftlicher Befunde werden die Fragen nach dem Wesen und den Mechanismen des Schmerzes neu gestellt. Wer mehr als medizinisch-wissenschaftliche Details zur Schmerzerfahrung kennenlernen möchte, kommt an diesem Buch nicht vorbei... [mehr]