Zucker ist nicht für Karies, Diabetes mellitus und Übergewicht verantwortlich, Olivenöl ist nicht das gesündeste Öl, Margarine hat nicht weniger Kalorien als Butter, Süßstoff ist nicht krebserregend und kein Mastmittel, und Salz löst keinen Bluthochdruck aus. Das kürzlich erschienene Buch "Moderne Ernährungsmärchen" nimmt die bekanntesten Vorurteile zu bestimmten Lebensmitteln und Ernährungsweisen unter die kritische ernährungswissenschaftliche Lupe und stellt sie richtig.
Hintergründe zu dieser Thematik erfahren Sie im folgenden Interview mit der Autorin und Vizepräsidentin der Gesellschaft für Ernährungsmedizin und Diätetik in Aachen, Dipl. troph. Doreen Nothmann, Doktorandin an der Physiologie der RWTH Aachen.
Frau Nothmann, Bücher über Ernährung gibt es ja sehr viele. Ihr Buch nimmt liebgewordene Irrtümer unter die Lupe und nennt sie bei ihrem Namen: Es sind halt alles nur Märchen. Wie entstand die Idee zu diesem Buch?
Nothmann: Wenn man täglich mit Ernährungsthemen zu tun hat, wie ich, ist es einfach ärgerlich, wenn man ständig mit Halb- oder gar Unwahrheiten über die Themen Ernährung und Diäten konfrontiert wird. Viele der modernen Ernährungsmärchen kursieren auch in den Köpfen unserer nächsten Mitmenschen. Denen können wir mit unserem Buch sofort die Wahrheit vermitteln. Jedoch werden viele Menschen von Ernährungsmärchen und -mythen verwirrt, die keine direkte Aufklärung von Ernährungsexperten wie Ernährungswissenschaftlern, Diätassistenten oder Ernährungsmedizinern bekommen. Für diese Menschen ist das Buch gedacht. Das Buch Moderne Ernährungsmärchen nimmt die Angst vor vielen Lebensmitteln und klärt auf!
Wie kommt es, dass sich solche Ernährungsirrtümer so lange halten konnten?
Nothmann: Das ist ganz einfach: Wenn eine einprägsame Schlagzeile erscheint, wie "Zucker macht krank und Süßstoff dick!" oder "Hartz 4 macht Sozialhilfeempfänger bettelarm!", bleiben diese Aussagen fest in unseren Köpfen verankert und eine neutrale Aufklärung oder ein Widerruf hat meist keine Chance. Einige Autoren helfen natürlich auch gut mit, denn "bad news are good news" und diese steigern erst die Aufmerksamkeit und dann die Auflage. Negativschlagzeilen über angeblich krebserregende Süßstoffe verkaufen sich eben einfach besser als der Hinweis, dass Zusatzstoffe nur zugelassen werden, wenn sie unbedenklich sind.
Wenn sich die Deutschen mit dem Thema Ernährung beschäftigen, dann reicht ihnen meist das Pseudowissen, was ihnen angebliche Ernährungsberater vermitteln. Auch einigen Medizinern und anderen Heilberuflern geht das so. Nur selten tauchen qualifizierte Aussagen von Fachgesellschaften wie der Gesellschaft für Ernährungsmedizin und Diätetik e.V. auf. Wie auch, wenn sich die Ernährungselite Deutschlands nicht einig ist, wie die gesunde Ernährungsweise eigentlich geht. Außerdem sind Menschen Gewohnheitstiere: wenn Spinat viel Eisen oder Quark viel Kalzium enthält, dann füttern wir unsere Familie eben so lange damit, bis sie ihn nicht mehr sehen kann. Dabei ist Spinat im Vergleich zu Fleisch eher eisenarm und hat eine niedrigere Eisenverfügbarkeit. Quark enthält relativ wenig Kalzium.
Was sind Ihrer Meinung nach die populärsten Ernährungsmärchen?
Nothmann: Ich denke, dass die meisten Menschen noch immer nicht wissen, das die Riesenmenge an Eisen, die wohl mal im Spinat gefunden wurde, nicht wirklich da war, sondern einfach nur durch einen Rechenfehler zustande gekommen ist. Schließlich mussten viele Jahre kleine Kinder dieses Gemüse unter dem "Eisenaspekt" in sich reinschaufeln, ob es ihnen geschmeckt hat oder nicht. Denen, die Spinat mögen sei allerdings gesagt, dass es trotzdem gesund ist. Nur eben kein besonders sinniger Fleischersatz. Viele glauben auch, dass Olivenöl das non plus ultra ist, obwohl es im Vergleich zu vielen anderen Ölen ein eher ungünstiges Fettsäurespektrum aufweist. Raps- und Leinöl sind sicher ernährungsphysiologisch besser.
Was ist denn mit der Empfehlung, dass man Spinat nicht mehr aufwärmen darf? Stimmt das wirklich, oder ist das auch nur ein Märchen?
Nothmann: Das ist ein Märchen, welches auf einer vorsorglichen Empfehlung basiert: Spinat können Sie, genauso wie Pilze auch, getrost wieder aufwärmen. In Spinat ist Nitrat enthalten. Durch Bakterien, die sich im Spinat befinden, wird das Nitrat zu Nitrit umgebaut. Nitrit kann sich an die roten Blutkörperchen anlagern. Erwachsene verfügen über Mechanismen, diese Verbindung wieder zu lösen. Säuglinge können dies jedoch noch nicht und sollten daher keinen Spinat bekommen.
Säuglinge in den ersten Lebensmonaten sollten generell keine andere Nahrung als Muttermilch erhalten. Beim längeren Warmhalten von Spinat vermehren sich die nitrat-herstellenden Bakterien. Stellen Sie daher den Spinat nach dem Essen sofort kühl, damit sich die Bakterien nicht vermehren können. Bei Pilzen ist es folgendermaßen: Früher sammelten wir die Pilze noch im Wald, und sie waren oft von Schimmelpilzen überwuchert. Einige dieser Schimmelpilze schütten Giftstoffe aus, die uns krank machen können. Heutzutage werden Speisepilze unter nahezu sterilen Bedingungen gezüchtet.
Welche Mythen gibt es noch, die uns das Leben schwer machen?
Nothmann: Da gibt es sehr viele, die uns das Geniessen vermiesen. Demnach dürften wir abends nichts mehr essen, denn das mache angeblich dick, Obst und Gemüse seien praktisch vitaminfrei und Salz erhöhe angeblich den Blutdruck.
Immer wieder gern erzählt wird auch der Mythos, dass Zucker angeblich Diabetes mellitus verursacht. Diabetes mellitus wird im Volksmund auch "Zuckerkrankheit" genannt, daher könnte man denken, dass Zucker der Auslöser für diese Krankheit ist. Das stimmt aber nicht! Vielmehr wird sie durch fehlendes oder schlecht wirkendes Insulin ausgelöst. Mit hohem Zuckerkonsum hat die Krankheit nichts zu tun.
Viele sind auch der Meinung, Schokolade mache dick. Das kann aber kein Lebensmittel allein. Die Ursache, dass immer mehr Menschen an Übergewicht leiden, liegt vielmehr an zu wenig Bewegung und einer generell zu hohen Kalorienaufnahme.
Über viele Märchen kann man sicher lächeln. Doch können derartige Irrtümer in den Köpfen durchaus auch Schaden anrichten. Welches halten Sie in diesem Sinne für das gefährlichste Märchen?
Nothmann: Das ist schwer zu sagen. Am schlimmsten finde ich die Märchen, die den Menschen nicht nur verbieten irgend etwas zu essen oder zu trinken, sondern die, die dafür sorgen, dass die Gesundheit des einzelnen leidet. So gesehen ist das wahrscheinlich extremste Ernährungsmärchen das vom angeblich gesunden und entschlackenden (Heil)Fasten. Es kann aus ernährungswissenschaftlicher Sicht noch nicht einmal nachvollzogen werden, was gut am (Heil)Fasten sein soll. Unabhängig davon ist das Fasten eine für den gesamten Organismus extrem risikobehaftete "Heilmethode".
Muskelabbau und Kreislaufbeschwerden sind obligatorische Begleiterscheinungen des Fastens. Ich kann vor dem Fasten nur dringend warnen, denn es kann lebensgefährlich sein. Und Schlacken gibt es nur im Ofen, aber nicht im menschlichen Organismus. Übrigens nehmen viele "Faster" weniger Kalorien auf als Magersüchtige. Dass ein Patient mit Anorexia nervosa an dieser Essstörung sterben kann, wird kein Mediziner bestreiten, die Risiken des Fastens werden stets als selten oder nicht existent abgetan.
Welchen Zweck verfolgen Sie mit diesem Buch?
Nothmann: Zum einen denke ich, dass es wichtig ist, den Menschen die Scheu vor dem Thema Ernährung und Essen zu nehmen. Sie sollen eben nicht stundenlang im Supermarkt die Etiketten studieren, um dann am Ende etwas zu kaufen, was ihnen vielleicht nicht schmeckt, weil das Produkt vielleicht ein Antioxidanz enthält, dessen Namen sie nicht einmal aussprechen können. So zum Beispiel die Ascorbinsäure, die nichts anderes ist als Vitamin C. Wir können uns bei Lebensmitteln aus Deutschen Landen sicher sein, dass sie keine gesundheitliche Gefahr darstellen.
Das Buch warnt allerdings auch vor einigen angeblich gesunden Ernährungs- und Lebensweisen, die der Gesundheit manchmal mehr schaden, als nützen können. Vollwertkost und Rohkost sind eben nicht immer gut. Außerdem enthält das Buch Moderne Ernährungsmärchen ein umfangreiches Kapitel mit nichts als der Wahrheit, den Regeln für eine gesunde Ernährungsweise. Denn zu sagen, welche Mythen falsch sind, ist einfach, doch wie macht man‘s richtig? Diese Frage wird also auch beantwortet. Wir zeigen auf, wie gesundes Ernährungsverhalten funktioniert.
Wem würden Sie dieses Buch besonders empfehlen?
Nothmann: Einfach jedem. Die Ernährungsmärchen, so habe ich in meinem Umfeld feststellen können, kursieren eben nicht nur in der Gedankenwelt der "älteren Generation". Jeder meint etwas von Ernährung zu wissen. Das ist sicher richtig, nur ist der einzelne damit überfordert, eine Unmenge an Informationen, die es zu diesem Thema gibt, zielgerichtet zu filtern. Ernährungsmärchen werden, ebenso wie die gesammelten Märchen der Gebrüder Grimm, von Generation zu Generation, aber auch in sozialen Interaktionspunkten, wie Bushaltestellen, Kantinen oder Arztpraxen weitergegeben und erzählt. Die Richtigstellung ist also etwas für jeden Menschen. Selbst ich bin schon solchen Märchen aufgesessen... [mehr]
Frau Nothmann, wir danken Ihnen für dieses Interview.
Das Interview führte Diplom Oecotrophologin Claudia Reimers.