Immunglobuline stellen heute im klinischen Alltag zunehmend eine wichtige Säule bei der Behandlung von Patienten mit diversen akuten oder chronischen Erkrankungen dar. Der AIDS-Skandal Anfang der 1990er Jahre hat die Virussicherheit von Blut- und Plasmaprodukten in den Mittelpunkt des Interesses gerückt.
Auch heute noch fokussieren sich die Ängste von Patienten auf mögliche Virusinfektionen durch die Verabreichung von Blut- bzw. Plasmaprodukten. In den letzten Jahren wurden mit großem Erfolg erhebliche Anstrengungen unternommen, um die Sicherheit von Blut- und Plasmaprodukten weiter zu verbessern.
05.01.2005 - Hohe Virussicherheit von Immunglobulinen
Derzeitige industrielle Verfahren auch bei neuauftretenden Erregern wirksam
Grundsätzlich muss trotz entsprechender Spenderauswahl damit gerechnet werden, dass ein Spender zum Zeitpunkt der Plasmaspende sich im Stadium der Virämie befindet und es daher zu einer Kontamination des Plasmapools kommt. Daher muss durch die heutigen industriellen Verfahren sicher gestellt werden, dass etwaig vorhandenes Virus inaktiviert oder eliminiert wird.
Neben dem Einsatz diverser Virusabreicherungs- und Virusinaktivierungsverfahren wird durch die Testung verschiedener bekannter Erreger mittels Nukleinamplifikationstechniken die Übertragungswahrscheinlichkeit auf ein minimales Restrisiko reduziert. Derzeit wird routinemäßig auf HIV, Hepatitis-B-, Hepatitis-C-, Hepatitis-A- und Parvovirus B19 getestet.
Als dezidierte Virusinaktivierungsschritte sind das Solvent-Detergent-Verfahren, die Pasteurisierung, trockene Hitze, die Beta-Propiolacton-Behandlung, die Natrium-Thiocyanat-Behandlung und die Behandlung bei niedrigem pH herstellerabhängig im Gebrauch. Diese Methoden unterscheiden sich in ihrem Wirkmechanismus und ihrer Wirkung auf ein mehr oder minder breites Spektrum pathogener Viren. Die Methoden werden gelegentlich miteinander kombiniert eingesetzt und/oder ergänzt durch dezidierte Maßnahmen zur Eliminierung von Viren, wie der Nanofiltration und der Affinitätschromatographie.
Eine weitere Säule der Virussicherheit sind die Maßnahmen bei der Auswahl der Spender. Da in den letzten Jahren immer wieder neue Erreger aufgetreten sind, die das Blutspendewesen gefährden könnten, gilt es zu überprüfen, ob die verfahrenstechnischen Schritte auch bei den neuen Herausforderungen eine ausreichende Sicherheit bieten.
Als theoretisch problematisch gilt weiterhin die Variante Form der Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung. (vCJD) Hier kann derzeit mit letzter Sicherheit nicht ausgeschlossen werden, dass vCJD nicht doch durch Plasmapräparate übertragen werden könnte. Allerdings sprechen die derzeitigen epidemiologischen Gegebenheiten wohl eher wahrscheinlich gegen eine Übertragung.
Durch eine engmaschige Surveillance wird die Inzidenz von vCJD weltweit derzeit überwacht. Um das theoretische Übertragungsrisiko zu minimieren, gilt die Empfehlung künftig bei Erstspenden Personen nicht mehr zuzulassen, die bereits einmal eine Transfusion erhalten hatten, um damit das Risiko einer Rezirkulation zu reduzieren.
Neue "emerging" Erreger, wie SARS-Coronavirus, Herpes-Virus-Typ 8, GB-Virus-C oder TT-Virus, sind nicht von transfusions-medizinischer Relevanz. Im Gegensatz dazu scheint das in USA epidemisch auftretende West-Nil-Virus, ein zu den Flaviviridae gehörender Erreger, Auswirkungen auf die Sicherheit von korpuskulären Präparaten zu haben. Bislang sind in USA etwa 70 Fälle von transfusions-assoziierten West-Nil-Virusinfektionen bekannt geworden. Da die plasmaverarbeitende Industrie seit Jahren die Flavivirus-Sicherheit mit dem bovinen Diarrhoe-Virus als Modellvirus überprüft, gelten West-Nil-Virusübertragungen durch Plasmapräparate als sicher ausgeschlossen.
Zusammenfassend lässt sich daher sagen, dass Ängste von Patienten vor der Behandlung mit industriell hergestellten Plasmapräparaten heute in Anbetracht des hohen Maßes an Sicherheit nicht mehr berechtigt sind. Auch sollte der behandelnde Arzt dem Patienten bzw. in der Pädiatrie den Eltern entsprechend kommunizieren (Prof. Dr. med. Tino F. Schwarz, Gelbfieber-Impfstelle, Facharzt für Labormedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie; Würzburg).
© Medizinische Enzyklopädie 2010