Geschlechtskrankheiten in der Risikogruppe homosexuelle Männer - Lymphogranuloma venereum (LGV)

07.04.2010 - LGV: Geschlechtskrankheit Risikogruppe Homosexuelle

Warnung vor Lymphogranuloma venereum - Krankheit verbreitet sich unter homosexuellen Männern in Europa aus

Immer wieder wird vor einer neuen Geschlechtskrankheit gewarnt, die sich  unter homosexuellen Männern auch in Europa ausbreitet. Dabei handelt es um Lymphogranuloma venereum (LGV). Nach dem diese Infektion im Jahre 2003 zunächst in Rotterdam  festgestellt worden war, traten seither Erkrankungen in mehreren europäischen Städten auf.

Es ist jedoch davon auszugehen, dass viele Fälle von LGV nicht diagnostiziert werden. Weitere Fälle wurden vor allem in den USA in New York, San Francisco und Atlanta beobachtet.

LGV war in Deutschland in den letzten Jahren eine bis auf sporadische Einschleppungen selten beobachtete Geschlechtskrankheit. Verursacht wird LGV durch Chlamydia trachomatis, Serotyp L1-3. In Holland zirkuliert derzeit der Serotyp L2. Bei den bislang identifizierten Patienten handelt es sich zumeist um HIV-positive Männer, die ungeschützten, rezeptiven Analverkehr praktiziert hatten. Die Patienten gaben an, dass die meisten Kontakte anonym waren. Namentlich bekannte Sexualpartner kamen unter anderem auch aus
Deutschland. LGV darf nicht mit der wesentlich häufigeren okulogenitalen Chlamydien-Infektion, die durch die Serotypen D-K hervorgerufen, verwechselt werden.

LGV kommt weltweit vor und ist überwiegend in Ost- und Westafrika, Südostasien, Südamerika und der Karibik endemisch. Die Erkrankung wird zu den klassischen Geschlechtskrankheiten gezählt. Die Übertragung erfolgt sexuell. Bei infektiösen Ulcera im perigenitalen und inguinalen Bereich schützen Kondome nur bedingt vor einer Ansteckung. Männer sind häufiger betroffen als Frauen mit einem Erkrankungsgipfel im sexuell aktiven Alter.

Bei LGV handelt es sich um eine chronisch verlaufende Infektion des lymphatischen Gewebes der Genitorektalregion. Es werden drei Phasen der Erkrankung unterschieden. In der Initiαse kommt es an der Eintrittspforte zu herpetiformen Läsionen, Papeln oder Erosionen. Diese finden sich meist am Sulcus coronarius und der Vaginalschleimhaut.

Bei Homosexuellen findet sich oftmals eine Proktitis. Als Begleitsymptome können eine Urethritis und Cervicitis auftreten. Extragenitale Läsionen sind möglich und meist durch orale Sexualpraktiken bedingt. Nach etwa 3 bis 4 Wochen beginnt das Sekundärstadium mit einer einseitigen, meist inguinalen, zunehmend druckschmerzhaften Lymphknotenschwellung. Oftmals kommt es dabei zu massiv geschwollenen, eitrigen Lymphknotenpaketen mit Erythem, die in der Folge einschmelzen und perforieren. Folge ist eine fistulierende Abszessbildung. Systemische Symptome mit Arthritis, Hepatitis oder Meningitis sind möglich.

Das erst nach Jahren beginnende Tertiärstadium ist durch ein Anogenitorektal-Syndrom gekennzeichnet. Dabei bestehen beim Patienten granulomatöse, destruktive und fistulierende Herd mit Proktokolitis, analen Fisteln und rektalen Stenosen sowie Strikturen.Mittel der Wahl zur Behandlung des LGV ist Doxycyclin  mit einer 3-wöchigen Behandlungsdauer. Alternativ kann Erythomycin oder Azithromycin über 3 Wochen verordnet werden. Wichtig ist die Mitbehandlung des oder der Sexualpartner während der letzten 30 Tage.

Nach dem Infektionsschutzgesetz (IfSG) besteht für LGV zwar keine Meldepflicht für eine sporadische Erkrankung, jedoch muss beim Auftreten von zwei oder mehr Infektionen, bei denen ein epidemischer Zusammenhang wahrscheinlich ist oder vermutet wird, nach §6, Abs. 5b, eine Meldung an das Gesundheitsamt erfolgen. Da das Wiederauftreten von LGV in mehreren Städten auf eine ununterbrochene Infektionskette hinweist, sollte auf jeden Fall eine Meldung an das Gesundheitsamt erfolgen.


(Prof. Dr. med. Tino F. Schwarz, Gelbfieber-Impfstelle, Facharzt für Labormedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg/ Schlußredaktion: Dr. Andreas Nitsche, Robert Koch-Institut, Zentrum für Biologische Sicherheit).

© Medizinische Enzyklopädie 2010