Mit dem stetigen Anstieg des Anteils von älteren Menschen in den Industrieländern gewinnen geriatrische Erkrankungen, dabei insbesondere auch diverse Infektionen, in der hausärztlichen Praxis wie auch im Krankenhaus zunehmend an Bedeutung.
Im ambulanten wie auch stationären Bereich ist In Deutschland in Folge ökonomischer Zwänge (EBM, DRG) in vielen Fällen eine adäquate Diagnostik und damit eine kausale Therapie oft nur eingeschränkt möglich. Da 30% der Hospitalisierungen von älteren Menschen durch Infektionen bedingt sind, lässt sich nur unschwer eine Verschlechterung der Versorgung älterer Patienten vorhersagen.
Generell gilt, dass Infektionen bei über 65-Jährigen 2 bis 5 mal häufiger sind als bei jungen Menschen. Zudem verursachen viele der Infektionen einen schwereren Verlauf, bedingt durch die abnehmende oder eingeschränkte Organ- und Abwehrfunktion, disponierende Grunderkrankungen, wie insbesondere Diabetes mellitus, oder Medikamenteneinnahme. Ein besonderer Risikofaktor für ältere Menschen ist die erhöhte Infektionsanfälligkeit, bedingt durch verminderte Hustenreflexe, reduzierte mukoziliäre Clearance, verminderte Gewebsdurchblutung, schlechtere Wundheilung sowie einer Abnahme der humoralen und zellulären Immunität.
Gerade multimorbide Patienten sind für Infektionen besonders gefährdet. Als weitere Risikofaktoren gelten die Unterbringung in Altes- oder Pflegeheimen wie auch häufige stationäre Behandlungen, was die Kolonisation oder Infektionen mit resistenten oder multiresistenten Erregern zur Folge haben kann. Da sich Infektionen beim älteren Menschen nicht selten untypisch präsentieren, wird die Diagnose vielfach verspätet gestellt. Mehr als drei Viertel der Infektionen betreffen den Urogenitaltrakt, die Atemwege und Weichteile. Insbesondere bei Bettlägerigen finden sich dabei Dekubitalulzera.
Infektionen der Harnwege werden beim älteren Menschen oftmals durch die geringe Flüssigkeitsaufnahme oder den gestörten Harnabfluss bedingt. Beim Mann spielt dabei die Prostatahyperplasie und der dadurch bedingte Restharn eine gewichtige Rolle. Als wichtiger Risikofaktor gilt zudem ein transurethraler Blasenkatheter. Zum üblichen Keimspektrum gehören Escherichia coli, Enterobacter, Proteus, Klebsiellen sowie Pseudomonaden. Symptomatische Harnwegsinfektionen sollten entsprechend dem Antibiogramm behandelt werden. Mischinfektionen mit mehreren Keimen sind möglich.
Mit zunehmenden Alter nehmen chronische obstruktive Lungenerkrankungen zu. Zu sekundären bakteriellen Infektionen kommt es nicht selten nach viralen Infektionen, wie insbesondere im Gefolge einer Influenza. Gerade bei der Exazerbation einer chronischen Bronchitis bietet sich oftmals ein sehr heterogenes Keimspektrum. Ambulant erworbene Pneumonien nehmen bei Senioren mit dem Alter erheblich zu. Dabei gelten insbesondere Bettlägerigkeit, Immobilität, Mangelernährung, Herzinsuffizienz, neuromuskuläre Erkrankungen, Schluckstörungen, Aspiration sowie chronische Lungenerkrankungen als wichtige Risikofaktoren.
Zu den wichtigsten Keimen werden hierbei Streptococcus pneumoniae, Haemophilus influenzae, Moraxella ssp. sowie Staphylococcus aureaus geechnet. Bei wiederholten klinischen Episoden kommen zunehmend auch Infektionen durch gramnegative Keime in Frage. Von Bedeutung ist hierbei die adäquat durchgeführte mikrobiologische Diagnostik.
Haut- und Weichteilinfektionen werden insbesondere durch verminderte Durchblutung, arteriosklerotische Gefäßveränderungen und insbesondere Diabetes mellitus begünstigt. Dekubitalulzera treten in Folge chronischer lokaler Drückwirkung und der hieraus resultierenden Ischämie auf. Nicht zuletzt als Folge der eingeschränkten personellen Resourcen finden sich Dekubitalulzera in Pflegeheimen heute sicherlich häufiger als früher. Beim Keimspektrum, das sich in den Dekubitalulzera nachweisen lässt, handelt es sich um eine aerobe/anaerobe Mischflora.
Als wichtigste therapeutische Maßnahmen gelten zum einen die Druckentlastung, häufige Lagerungswechsel, Sanierung der Wundverhältnisse und Entfernung des nekrotischen Gewebes. In manchen Fällen kann eine systemische Antibiose indiziert sein, da es ausgehend vom Dekubitalulkus zur Bakteriämie bis hin zur Sepsis kommen kann (Prof. Dr. med. Tino F. Schwarz, Gelbfieber-Impfstelle, Facharzt für Labormedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg).
© Medizinische Enzyklopädie 2010