Nach aktueller WHO-Statistik stellen Infektionskrankheiten mit 41% die weltweit häufigsten Todesursache dar, wie vorgestern bei der Eröffnung des 8. Kongresses für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin in Hamburg berichtet wurde. Unter den Infektionskrankheiten wiederum hat die Pneumonie (Lungenentzündung) mit 11% der gesamten Todesursachen die größte Bedeutung. In der Reihenfolge ihrer Häufigkeit kommen Tuberkulose, Diarrhoe, Malaria, Aids und Hepatitis B.
Pneumokokken-Infektionen gehören zu den schwersten Erkrankungen beim Menschen. Betroffen sind von diesen bakteriellen Infektionen insbesondere Kinder unter 5 Jahren sowie ältere Menschen. Seit wenigen Jahren steht für Kleinkinder ein 7-valenter Pneumokokken-Konjugatimpfstoff (PrevenarR) zur Verfügung.
Dieser Konjugatimpfstoff ist jetzt auch für 2 bis 5-jährige Kinder zugelassen. Kinder mit erhöhtem Risiko für Pneumokokkenerkrankungen sollten zusätzlich zum Konjugatimpfstoff eine Dosis des 23-valenten Polysacharidimpfstoffes erhalten. Auch innerhalb der Altersgruppe der 2 bis 5-Jährigen kommen invasive Pneumokokkenerkrankungen sowie Meningitiden vor.
Die Letalität beträgt in dieser Altergruppe 5,2%, verglichen mit 7,1% bei <2-Jährigen. Mit schwerwiegenden Folgeerkrankungen muss bei 12% der 2 bis 5-Jährigen gerechnet werden. Nach Untersuchungen des Nationalen Referenzlabors für Pneumokokken beträgt die Serotypenabdeckung bei 2 bis 5-Jährigen mit dem Konjugatimpfstoff in Deutschland mehr als 70%.
Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die Pneumokokken-Impfung für Kinder, die zu bestimmten Risikogruppen gehören. Dazu werden unter anderem Frühgeborene, Kinder mit angeborenen oder erworbenen Immundefekten, Kinder mit funktioneller oder anatomischer Asplenie, Sichelzellanämie, bei Krankheiten der blutbildenden Organe, bei neoplastischen Krankheiten, bei HIV-Infektion und nach Knochenmarkstransplantation gerechnet.
11.06.2005 - Pneumokokken-Impfung bei Kindern
Pneumonie: Positive Auswirkung auf die Herdenimmunität auch bei Senioren
Zudem empfiehlt die STIKO die Impfung von Kindern mit chronischen Krankheiten, zum Beispiel Herz-Kreislaufkrankheiten, Krankheiten der Atmungsorgane, Diabetes mellitus oder anderen Stoffwechselkrankheiten, bei Niereninsuffizienz oder nephrotischem Syndrom, Liquorfistel oder vor Organtransplantation oder vor Beginn einer immunsuppressiven Therapie sowie bei Kindern mit Gedeihstörungen. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass die Pneumokokken-Impfung, die bisher als Indikationsimpfung empfohlen ist, weiterhin nur eher zögerlich von der Ärzteschaft umgesetzt wird. Ursachen hiefür sind u. a. Unsicherheiten hinsichtlich der Kostenerstattung.
Der Pneumokokken-Konjugatimpfstoff wurde in den USA im Jahr 2000 zugelassen und im selben Jahr als generelle Impfung empfohlen. Inzwischen beträgt die Immunisierungsrate bei Hochrisikokindern in den USA mehr als 90%. Beachtenswert sind die Auswirkungen des amerikanischen Pneumokokken-Impfprogrammes auf andere Altersgruppen. Epidemiologische Auswertungen ergaben einen Rückgang invasiver Pneumokokkenerkrankungen im 1. bzw. 2. Lebensjahres um 77% bzw. 83%.
Epidemiologisch bedeutsam ist jedoch insbesondere auch der deutliche Rückgang invasiver Pneumokokkenerkrankungen bei Erwachsenen. Gefunden wurde eine Reduktion dieser schweren Infektion um 41% bei Personen zwischen 20 bis 39 Jahre. Bei >65-Jährigen fand eine Reduktion der Inzidenz um 31%. Erklärt wird diese Reduktion durch eine Herdenimmunität. Als Folge eines breiten Einsatzes des Konjugatimpfstoffes muss mit einem "Replacement" durch nicht im Impfstoff enthaltene Pneumokokken-Serotypen gerechnet werden.
Erste Untersuchungen zeigen ein "Replacement"-Phänomen bei asymptomatischen Trägern, bei nicht-invasiven Infektionen sowie auch bei invasiven Infektionen. Zwar wird die Effektivität des Impfprogrammes durch diese mikrobiologischen Beobachtungen bisher nicht beeinträchtigt, jedoch belegt dies die Notwendigkeit einer kontinuierlichen Überwachung der Serotypenverteilung.
Das "Replacement" kann möglicherweise zu einer Änderung der Krankheitsbilder führen. Die Hersteller von Pneumokokken-Impfstoffen müssen diese veränderte mikrobiologische Situation durch eine entsprechende Anpassung bei der Zusammensetzung zukünftiger Konjugatimpfstoffe berücksichtigen (Prof. Dr. med. Tino F. Schwarz, Gelbfieber-Impfstelle, Facharzt für Labormedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg)
© Medizinische Enzyklopädie 2010