03.11.2004 - US-Wähler: Für den Verfall des Gesundheitssystems?
Wahlsieger entscheidet auch über das zukünftige US-Gesundheitssystem
Anders als bei Bill Clintons Wahlsieg über George Bush senior ist die Gesundheitspolitik bei der aktuellen US-Präsidentenwahl nicht das Top -Thema. Dabei gäbe es dafür gute Gründe: Wenn Bush junior im Amt bleiben sollte, ist eine weitere Verschlechterung des amerikanischen Gesundheitssystems zu erwarten.
Statistisch gesehen haben 1,4 Mill. US-Bürger im vergangenen Jahr ihren Krankenschutz verloren, über 40 Mill. US-Bürger sind nicht krankenversichert. Gleichzeitig ist das US-Gesundheitssystem eines der teuersten der Welt. Da mindestens 72% der Krankenversicherung von den Arbeitgebern bezahlt werden, droht auch für Erwerbstätige bei Arbeitslosigkeit der Verlust des Krankenschutzes.
Und fehlender Versicherungsschutz führt im Krankheitsfall oft zu finanziellen Problemen. Nach Angaben des Institute of Medicine sterben jährlich 18.000 Menschen, weil sie keinen Versicherungsschutz haben oder Hilfe zu spät in Anspruch nehmen.
Viele Arbeitnehmer sind unterversichert. Angesichts der steigenden Kosten für die Krankenversicherung versuchen viele Arbeitgeber ihre Arbeitnehmer an den Kosten zu beteiligen. Bei einer Familien-Versicherung entstehen zum Beispiel Durchschnittskosten von 9068 Dollar jährlich.
Deshalb bieten Großunternehmen ihren Mitarbeitern immer häufiger Versicherungspläne an, bei denen die Versicherungsbeiträge niedrig, der jährliche Selbstbehalt aber hoch ist. Seit dem Jahr 2001 hat sich für die Arbeitnehmer der Anteil an den Versicherungskosten um 50% erhöht.
Indiz für den mangelhaften Versicherungsschutz sind die Notfalleinrichtungen, die Emergency Departements. Während niedergelassene Ärzte Patienten ohne Versicherung nicht behandeln müssen, dürfen die im Emergency Departement tätigen Ärzte keinem Kranken medizinische Hilfe verweigern. Da die Armenversicherung Medicaid nur unzureichende Leistungen bietet, sind die ED für viele Kranke oft die einzige Zuflucht.
Die Folge sind überfüllte Wartezimmer, lange Wartezeiten und das Umdirigieren von Krankentransporten. Inzwischen befürchten Experten den Kollaps der Notfallversorgung.
Allerdings übernahm George W. Bush bei seiner Amtseinführung im Jahr 2000 kein gut organisiertes Gesundheitssystem. Bill Clinton ist zwar als Reformer des US-Gesundheitssystems in die Geschichte eingegangen, seine Reform gilt aber eigentlich als gescheitert. Auch in seiner Amtszeit stiegen die Ausgaben für staatliche Sozialprogramme von 18% auf 21% des Bruttosozialprodukts.
Clintons Ziele – Kostendämpfung und eine universelle Krankenversicherungs-Garantie in einem effektiveren Gesundheitssystem – wurden durch Lobbys und die Republikanische Partei blockiert. Nur für Kinder aus einkommensschwachen Familien erreichte Clinton Verbesserungen.
Trotzdem ist die amerikanische Gesundheitsversorgung nach Meinung von George W. Bush die Beste der Welt. Dabei spricht höchstens die niedrige Sterblichkeitsquote für das US-Gesundheitssystem. Bush setzt auf weitere Privatisierung und Wettbewerb, den Import von kostengünstigen Medikamenten und Generika haben die Republikaner bisher verhindert.
Sein Herausforderer John Kerry will dagegen mit öffentlichen Subventionen die Krankenversicherungskosten senken. Woher er die dafür geplanten 653 Mrd. Dollar nehmen will, ist angesichts des riesigen Haushaltdefizits fraglich (Holger Schmidt)
© Medizinische Enzyklopädie 2010