18.05.2009 - Lost in Space

Beratungsstelle für Computerspiel- und Internetsüchtige in Berlin

Das Projekt "Lost in Space" ist an das Café Beispiellos, eine Einrichtung zur Beratung von Glückspielsucht, angeschlossen. Der Caritasverband für das Erzbistum Berlin e.V., Träger des Projektes, ist der Wohlfahrtsverband der katholischen Kirche. Als ein Spitzenverband der LIGA der freien Wohlfahrtspflege ist er zugleich anerkannter Träger von mehr als 200 Einrichtungen und Beratungsstellen in Berlin, Brandenburg und Vorpommern. "Lost in Space" ist eine von bislang zwei Beratungsstellen für Computerspiel- und Internetsüchtige in Deutschland.

An wen richtet sich das Beratungsangebot von Lost in Space?

Lost in Space ist ein Beratungsangebot, das sich an alle Menschen richtet, die Probleme im Umgang mit den Medien Computer und Internet haben oder als Angehörige Unterstützung suchen. Es werden Klienten betreut, die einen unkontrollierten Gebrauch der folgenden Anwendungsmöglichkeiten des Mediums PC zeigen:

- Computer- und Konsolenspiele
- Online-Rollenspiele (sog. MMORPGs d.h. Massive Multiplayer Online Role Playing Games)
- Ego-Shooter
- Surfen, Chatten, Mailen
- Online-Sex sowie Konsum und Archivierung pornographischer Webinhalte

Das Beratungsangebot schließt alle Altersgruppen ein, die betroffenen Klienten sind jedoch zumeist männliche Jugendliche und junge Erwachsene, die vor allem Online-Rollenspiele spielen.

Woran erkenne ich eine Computerspiel- und Internetsucht:

Computerspiel- und Internetsucht ist bisher keine anerkannte psychische Erkrankung, da dieses Krankheitsbild noch nicht in einem gültigen Klassifikationssytem erfasst worden ist. Weder die ICD-10 noch die DSM-IV enthalten diagnostische Kriterien für die von „Lost in Space“ betreuten Klienten.

Hilfsweise wird das Störungsbild häufig unter der ICD-Diagnose F68.8 (sonstige abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle) verschlüsselt, die nur wenig aussagekräftig ist und die das Problemfeld nur unzureichend beschreibt. Im Rahmen der Beratung orientieren wir uns daher an den folgenden, bislang anerkannten Merkmalen eines süchtigen Internet- und PC-Gebrauchs (in Anlehnung an Hahn und Jerusalem):

- Einengung des Verhaltensraums, d. h. über einen längeren Zeitraum wird der größte Teil des Tageszeitbudgets zur Internetnutzung verausgabt (hierzu zählen auch verhaltensverwandte Aktivitäten wie beispielsweise Optimierungsarbeiten am PC).

- Kontrollverlust, d. h. Versuche, die Internetaktivitäten einzuschränken scheitern oder werden erst gar nicht unternommen; Vorsätze zur Verhaltensänderung werden trotz festen Willens nicht realisiert.

- Toleranzentwicklung, d. h. die zeitliche Ausdehnung der Internetaktivitäten steigt stetig bis zur völligen Einnahme des verfügbaren Tageszeitbudgets einer Person (Steigerung der Dosis).

- Psychische Entzugserscheinungen, d. h. bei zeitweiliger, längerer Unterbrechung der Internetnutzung treten psychische Beeinträchtigungen auf (Nervosität, Gereiztheit, Aggressivität) und psychisches Verlangen (Craving, Urging) zur Wiederaufnahme der Internetaktivitäten auf.

- Negative Konsequenzen, insbesondere in den sozialen Bereichen Arbeit und Leistung sowie in den sozialen Beziehungen (z. B. Ärger mit Arbeitgeber, Schule, Familie, Freundin).

Häufigkeit

Laut aktuellen Studien zeigen sich bei schätzungsweise 1.500.000 Onlinenutzern Probleme im Umgang mit dem Medium Internet oder sogar erste Anzeichen einer Internetsucht. Dies entspricht einem Bevölkerungsanteil von 4% (Suchtreport 6/2001). Gefährdet sind vor allem Jugendliche und junge Menschen von 17- 25.

Eine Onlinebefragung aus Deutschland (Hahn & Jerusalem) (2001) ergab das 2,7% der bundesdeutschen Internetnutzer süchtiges Verhalten zeigen. Im Jahr 2007 nahmen 194 Neuklienten das Beratungsangebot von „Lost in Space“ in Anspruch.

Schwierigkeiten bei einer Computerspiel- und Internetsucht

Der Umgang mit modernen elektronischen Medien ist aus dem heutigen beruflichen und oft auch privaten Lebensalltag kaum mehr wegzudenken. Eine Abstinenz als Ziel beim Vorliegen einer Computerspiel- und Internetsucht erscheint daher wenig realistisch. Ziel muss es vielmehr sein, einen kontrollierten Umgang mit den modernen Medien zu erreichen. Die Notwendigkeit einer Abstinenz von einzelnen Medieninhalten, wie beispielsweise einem besonderen Spiel oder einem Spielgenre, erscheint aber denkbar.

Arbeitsbereiche von Lost in Space

 - Einzelgespräche mit Betroffenen und/oder Angehörigen
  - angeleitete Gesprächsgruppen für Betroffene
 - Krisenintervention
  - Therapieberatung
 - Vermittlung in ambulante und stationäre Rehabilitation
 - offene Sprechstunde für Angehörige
  - Öffentlichkeitsarbeit und Informationsveranstaltungen
  - offenes Begegnungsangebot
  - freizeitpädagogische Angebote
  
Klienten wird ein niedrigschwelliger und unbürokratischer Zugang ermöglicht. In angeleiteten Gesprächsgruppen erfahren die Klienten gemeinsam mit anderen Betroffenen gezielte Hilfen bei der Bewältigung ihrer Verhaltenssucht und erlernen schrittweise funktionale Möglichkeiten der Bewältigung ihrer individuellen Lebenssituation. Angehörige haben die Möglichkeit, im Rahmen eines speziellen Angebots ihre eigene Situation sowie den Umgang mit dem Süchtigen bewältigungsorientiert zu reflektieren.

Bei Bedarf beraten wir Klienten über die Möglichkeiten einer komplementären ambulanten oder stationären Psychotherapie.  Von PC- und Internetsucht betroffene Menschen benötigen aktive Unterstützung bei der Reaktivierung von im Zuge der Krankheitsentwicklung vernachlässigter Interessen und Aktivitäten. Diesem Aspekt begegnen wir durch ein umfassendes freizeitpädagogisches Angebot.

Im Rahmen unserer Öffentlichkeitsarbeit informieren wir Institutionen und Firmen über die  PC- und Internetsucht, über unser Angebot sowie über Möglichkeiten einer gezielten Prävention und Intervention. 

Kontakt- und Netzwerkaufbau


Die Versorgungsstrukturen für Menschen mit Computerspiel- und Internetsucht sind bislang nur unzureichend ausgebaut. Um die Behandlung von dieser Klientengruppe möglichst flächendeckend zu ermöglichen, suchen wir den Kontakt zu allen interessierten Behandlern. Ziel soll es sein, ein Netzwerk zum fachlichen Austausch und zur regionalen Vermittlung in eine Behandlung
aufzubauen.

Finanzierung:
Das Projekt wurde anfangs aus Eigenmitteln des Caritasverbandes finanziert.
Ab 04.04.2008: Finanzierung durch die Drogenbeauftragte des Landes Berlin / Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz und Eigenmitteln des Caritasverbandes.


Kontakt:
Wartenburgstr.8, D-10963 Berlin 
Telefon: (030) 666 33 959
Telefax: (030) 666 33 958 
E-Mail: Cafe.Beispiellos@caritas-berlin.de